Joyn ist noch nicht das große Ding, was es gerne sein will

Ein paar (kritische) Gedanken zum neuen Streaming-Portal von ProSiebenSat.1 und der Discovery-Gruppe.

Joyn, das Streaming-Portal der ProSiebenSat.1-Gruppe und Discovery, ist vergangene Woche gestartet. 7TV ist seitdem Geschichte. In so ziemlich jedem Magazin der ProSiebenSat.1-Sender wurde darauf hingewiesen, sogar in den hauseigenen Nachrichtensendungen. Etliche Sendungen und Trailer werden fortan mit Joyn vollgekleistert – man meint es also durchaus ernst. Die Ziele, die Joyn hat, sind ehrgeizig: Innerhalb von zwei Jahren möchte man 10 Millionen Kunden haben. Zum Vergleich: TV Now, das Streaming-Angebot von der Mediengruppe RTL, soll zwischen 4 und 5 Millionen Unique User pro Monat haben. 7TV hatte zuletzt ca. eine Million Kunden. Deswegen wundere ich mich umso mehr, warum man unbedingt so ein halbgares Produkt auf die Schnelle launchen muss.

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Screenshot der Joyn-Startseite (26.06.19)

Denn viele Sachen fehlen noch: Die Bezahlfunktion, die zum Beispiel das Ansehen von Privatsendern in HD ermöglicht, gehört dazu. Ganz zu schweigen davon, dass die Mediengruppe RTL hier mit ihren Sendern verständlicherweise nicht an Bord ist. maxdome und der Eurosport-Player? Von denen fehlt ebenfalls noch jede Spur. All das soll erst im Winter kommen. Und das allerschlimmste, unverständlichste: Auf zahlreichen Smart-TVs ist die App noch nicht verfügbar, selbst Google Chromecast wird zum Start nicht unterstützt. Eine Fernseh-Plattform, die man nicht auf einem richtigen Fernseher gucken kann – ist doch toll, oder? Das ist auch gleich der erste Punkt, an dem Joyn dringend arbeiten sollte: Die Verfügbarkeit. Netflix ist auch deswegen so erfolgreich, weil es auf so gut wie jedem Gerät verfügbar ist. Leute, die Fernsehen noch über einen großen Bildschirm genießen wollen, müssen sich also erstmal in Geduld üben mit Joyn. Bei mir hat das am 1. Tag von Joyn dazu geführt, dass ich mir irgendwann genervt einfach irgendwas bei Netflix angemacht habe.

Ebenfalls stark ausbaufähig ist die Schaltung der Werbeclips: Wie bei TV Now legt man hier keinen Wert darauf, dass die Werbung an einer geeigneten Stelle kommt – sie platzt einfach mitten im Dialog rein. Positiver ist die Tatsache, dass man sich für die Livestreams der Sender nicht mehr anmelden muss, man muss also nicht mehr mit seinen Daten bezahlen, wenn man Free-User sein will. Ein klarer Vorteil zu anderen Live-TV-Anbietern wie Zattoo.

Mit „jerks.“ hat Joyn zwar schon jetzt ein echtes Highlight im Programm, aber das ist ja streng genommen eher ein geerbtes Highlight, da kein wirkliches Joyn-Original. Es kommt von maxdome, wurde dort 2017 als erste maxdome-Eigenproduktion gefeiert. Und in den Köpfen so mancher Zuschauer dürfte „jerks.“ sogar eher als ProSieben-Serie abgespeichert sein, weil die ersten beiden Staffeln mit nur rund einem Monat Verzögerung dort lief. Und was sagen eigentlich die (paar) maxdome-Kunden dazu, dass „jerks.“ nun nicht mehr exklusiv bei maxdome, sondern parallel auch bei Joyn abrufbar ist – und zwar kostenlos? Wer soll sich dann noch ein Abo bei maxdome für die beiden Schwachköpfe holen? Und überhaupt: Wieso soll maxdome in naher Zukunft in Joyn integriert werden? Wieso nennt man das nicht gleich alles Joyn? Ich glaube kaum, dass maxdome heute noch eine attraktive Marke ist. Zumal man sie mit dem Wegholen von „jerks.“ ja jetzt auch noch um das Alleinstellungsmerkmal beraubt hat.

Man könnte auch anders fragen: Wie sollen sich die Marken künftig positionieren, welche Marken sollen überhaupt bestehen bleiben? „Die Läusemutter“ etwa läuft nun zum Beispiel exklusiv vorab bei Joyn und wird dort auch als Joyn-Original vermarktet. Eigentlich wurde die (btw ziemlich unlustige) Comedyserie für Sat.1 produziert, dort wartet man mit der Ausstrahlung aber lieber noch bis zum Frühjahr 2020. Joyn steht vor einem schwierigen Spagat: Es soll eine Heimat für On-Demand-Inhalte von ProSiebenSat.1 und Discovery werden, soll also die klassischen TV-Marken in einem Online-Angebot bündeln. Gleichzeitig will man aber auch Eigenes produzieren, allerdings nicht ausschließlich für sich selbst, sondern auch für die TV-Sender. Das könnte noch sehr unübersichtlich werden. Da hat es Netflix eben wieder einfacher: Hier schafft man es sogar, Nicht-Netflix-Originals wie die ABC-Serie „Designated Survivor“ als Netflix-Original zu verkaufen – gutes Marketing eben. Es bleibt also spannend, wie sich Joyn entwickelt und vor allem ob Joyn als lokaler Player wirklich das Zeug hat, einem internationalen Riesen wie Netflix die Stirn zu bieten. Oder ob die Journey zum Scheitern verurteilt ist.

Und zum Abschluss noch kurz zusammengefasst ein paar Hard Facts zu Joyn:

Derzeit verfügbare Sender: 55 (davon 36 Öffentlich-Rechtliche in HD, allerdings viele doppelte Dritte Programme)

Sender, die u.a. noch fehlen: MG RTL (RTL, RTL II, Super RTL, VOX, Nitro, n-tv), Tele 5, Servus TV

Derzeit geplante Eigenproduktionen: 10 Stück, darunter „Check Check“ mit Klaas Heufer-Umlauf und „Frau Jordan“ mit Katrin Bauerfeind. Bereits jetzt abrufbar sind „jerks.“, „Die Läusemutter“ und „Singles‘ Diaries“

Claim: #JoynTheJourney

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